Verlernt zu träumen

Kolumne, die Zweite

Morgens. 5:30 Uhr lautes Schrillen ertönt. Schneller, lauter, immer fordernder. Reißt mich aus meinen Träumen, unterbricht meinen ruhigen Schlaf. Mit noch geschlossenen Augen greife ich nach meinem Wecker, einen Gegenstand, den ich hasse. Jeden Morgen das Gleiche. Die Sonne scheint mir provokant ins Gesicht und macht meinem geübten Blinzeln einen Strich durch die Rechnung.

Es poltert, kurz darauf Klirren und Scheppern. Ich habe mal wieder den ganzen Nachttisch abgeräumt. Die Teetasse vom Abend davor, eine Müslischale, dessen Inhalt mir oft das Leben rettet, weil es zu meinem Hobby geworden ist, das Einkaufen auf morgen zu verschieben, meine Brille und den ganzen Schmuck, der tagsüber die perfekte Business-Tussi aus mir macht. „Kleidung macht Leute“, hab‘ ich in der Schule mal gelernt. Wenigstens hat das Scheiß-Ding aufgehört zu bimmeln.

Ich bin müde. Mein Körper fühlt sich schwer an, wie, als würde er nicht zu mir gehören. Von meinem einst aufrechten Gang, keine Spur. Meine Augenringe haben ihr Maximum erreicht. Dunkle Schatten zeichnen sich über meinen Wangen ab. Wie in Zeitlupe setze ich mich vor meine Schminkkommode, blicke mir selbst in die Augen. „Man, siehst du beschissen aus. Naja, bisschen Make-up hier, Wimperntusche da –  dann geht’s wieder.“ Wie immer. Es geht immer weiter. Weiter und weiter.

Zwanzig Minuten später und keine Minute länger, lege ich den Pinsel zur Seite. Mein Blick fällt auf die Uhr „Shit, eigentlich sollte ich schon auf der Autobahn sein“, kritisiere ich mich selbst. Mit dem Kaffeebecher in der einen, dem Handy in der anderen Hand, meinem viel zu unbequemen Kostüm und der makellosen Maske, die ich gekonnt trage, hetze ich aus der Haustür. Auf dem Weg zum Auto höre ich die letzten paar Whats-App Sprachnachrichten ab, zu denen ich es gestern Abend nicht mehr gemacht habe, schlürfe an meinem viel zu heißen Kaffee – während ich mir wie der letzte Idiot die Zunge verbrenne – und versuche mir stolpernd die Jacke zuzumachen. Draußen ist es eiskalt.

Autotür auf, Tasche auf den Beifahrersitz schmeißen, schnell hinsetzen, letzter Blick in den kleinen Spiegel über mir, Autotür zu, Handbremse los, Rückwärtsgang ein – und los. Während ich die Einbahnstraße lang fahre, taste ich nach dem Anschnallgurt, schalte und stecke meinen Kaffeebecher in den kreisförmigen Halter neben mir. Klick – das Geräusch des einhakenden Gurtendes wirkt beruhigend. Kurzes Durchatmen und Sammeln.

Völlig aus dem Zeitplan, fahre ich dem Stauende entgegen. Meine Hand greift wie automatisch zum Blinker. Ich biege ab, Richtung Landstraße, weiche ich dem täglichen Stau auf der Autobahn aus. „Nicht schon wieder, das fehlt mit grade noch. Wenn ich zu spät zum Meeting komme, bin ich dran.“ In meinem Kopf spielt sich nichts anderes mehr ab, als mein gehetzter Gang durch die Tür zum Konferenzsaal. Meine Gedanken formen Bilder, die an mir vorbei rauschen, immer schneller und unsortierter. Mir wird heiß, mein Kopf fängt an zu glühen. Alles was ich sehe, ist die tickende Uhr. Mein unruhiger Blick tanzt im Sekundentakt von der kleinen Autouhr auf die Straße und wieder zurück. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, mein Herz rast, mein Puls steigt. Stress.

Im Rausch meiner Gedanken, rase ich die Straße entlang. Frontal auf einen LKW zu, der ins Schwanken gekommen ist. Im Frost der eisigen Straße spiegelt sich das grelle Licht der Sonne wieder. Ich sehe nichts mehr, bin für einen Moment blind. Mein Verstand setzt aus, alles was ich wahrnehme, ist die Kraft in meinem rechten Arm, der plötzlich das Lenkrad umreißt. Ich verliere die Kontrolle, lasse mein Gefühl entscheiden, meinem  Reflex freien Lauf. Kann nichts machen, außer vertrauen und die Sekunden, die sich anfühlen wie Stunden, auf mich zukommen lassen. Ich schließe meine Augen, lasse das Leben passieren.

Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Momente, voller Freude und Lebenslust. Bilder tausender Glücksmomente. Meine Realität verwandelt sich in Träume. Träume, die ich mal hatte. Meine Gedanken schweifen ab, bewegen sich im Takt der flackernden Schatten der Bäume. In gleichmäßigen Abständen, wie ein Lichtspiel auf meinen Augenlidern. Die Geschwindigkeit meiner Wahrnehmung reduziert sich auf die einer Zeitlupe. Ich muss lächeln. Seit langem ungekünstelt.

Wildes Hupen, quietschende Bremsen. Meine Augen weit aufgerissen, mein Herz setzt kurz aus. Der LKW rauscht haarscharf und schwankend an mir vorbei. Alles was ich sehe, sind die immer kleiner werdenden Bremslichter im Außenspiegel. Wie benebelt fahre ich an den Straßenrand, bringe das Auto zum Stehen. Bringe mich selbst zum Stehen. Meine innere Uhr, die schneller läuft, als sie kann. Meine Zukunftsängste und Zweifel, die mich täglich steuern. Mir den Weg vorgeben. Schon ganz automatisch. Schalte alles ab. Setze alles auf Null. Sitze einfach nur da. Die Hände im Klammergriff am Lenkrad. Die Sonne im Gesicht.

Nach zehn oder vielleicht auch 30 Minuten, starte ich den Motor – und drehe um. Fahre nicht ins Büro, nehme nicht am Meeting teil. Tippe eine SMS, in der einfach nur steht „Tut mir leid, ich werde heute nicht dabei sein.“ „Und eigentlich auch nie wieder“, denke ich.

Denn ich habe noch so einiges vor.

 

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