Lieblingsgefühl

Kolumne Lieblingsgefühl

Ich komme nach Hause. Werfe meine Tasche ab und atme tief durch. Im Haus ist es kühl und dunkel, vom Sonnenlicht keine Spur. Ich höre wie die Tür hinter mir ins Schloss fällt und schließe für einen Moment meine Augen. Halte inne und unterdrücke meine immer wieder aufkehrenden Tränen. Tränen, die sich über den Tag immer wieder angesammelt haben. Ich zittere, spüre  Unruhe in jeder Zelle meines Körpers. Meine Lippen beben, während meine Augen ganz klein werden, versuchen dem Druck meiner Tränen Stand zu halten. Kein Licht mehr in mich hinein lassen. Wie aus weiter Ferne höre ich mein Herz im ungleichmäßigen Takt schlagen. Unruhig und unkontrolliert pocht es zum Rhythmus meiner Gedanken. Mein Kopf dröhnt, er ist voller Fragen, auf die ich keine Antworten habe. Antworten, nach denen ich auf der Suche bin. Antworten, die mir sagen, wo lang ich gehen soll. Ich suche sie auf, gehe ihnen nach und verliere währenddessen mein Lieblingsgefühl.

Ich stehe einfach nur da, mein Blick ist leer. Stehe da und warte auf dieses Gefühl. Weiß doch, dass alles gut ist, weiß doch, dass alles gut werden wird. 

„Ich vertraue dem Leben und lasse es auf mich zukommen, richtig? Alles passiert aus einem Grund, das alles soll so sein, oder? Reiß dich zusammen, es sind nur deine verwirrten Gefühle, es ist alles nur in deinem Kopf. Eigentlich ist nichts verkehrt, du solltest hier stehen und lächeln. Glücklich sein. Komm schon, du erzählst doch immer allen, wie einfach glücklich sein ist – lebst es ihnen vor. Du hast keinen Grund, dich so zu fühlen. Geh weiter. Mach weiter. Gibt nicht auf“ 

Ich versuche, mir diese Worte abzukaufen. Lasse sie Minute für Minute durch meinen Kopf ziehen, versuche meine negativen Gedanken auszulöschen. Konzentriere mich auf das Wesentliche, auf das was ich doch will. Auf all die positiven Dinge in meinem Leben. Warte darauf, dass ich mein Lieblingsgefühl wieder spüren kann.

Aber es passiert nichts. Mein Gefühl ist unverändert. Leere macht sich in mir breit. Eine Leere, die schmerzt. Eine Leere, die sich schwer und gleichzeitig unendlich leicht anfühlt. Endlich. 

Ich lasse dieses Gefühl zu, halte nichts mehr zurück. Greife wie automatisch in meine Tasche neben mir, hole mein Buch und einen Stift heraus, setze mich in den Garten – ein Garten voller Blumen und Sonnenstrahlen – und fange an zu schreiben:

„Ich kann nicht sagen, dass es mir schlecht geht, aber glücklich sein fühlt sich anders an. Ich spüre, dass ich schneller und unachtsamer werde, während ich mich in Zukunftsbildern verliere. Habe das Gefühl, ich muss raus hier. Weg von hier. Durchatmen und alleine sein. Herausfinden, wer ich wirklich bin.

Ich bin überfordert mit diesem ganzen Own-Business Kram. Ich schwimme in der Leere meiner Gedanken, gehen in meinen Zielen unter. Ich habe tausend und noch mehr Ideen, aber bei keiner habe ich den leisesten Hauch einer Ahnung, ob ich sie wirklich umsetzen will. Ich will so viel, aber irgendwie auch nichts davon. Ich lache während ich verwirrt bin, mein Kopf tut weh vom ganzen Nachdenken. Abschalten wird immer schwieriger. Und immer wieder treffe ich auf Menschen, die mich fragen, was ich mache oder was ich beruflich vorhabe zu machen. Meine Antwort darauf ist immer, dass ich mal coachen will – es vereinzelt auch schon mache. 

Vielleicht will ich es sogar wirklich. Vielleicht will ich es aber auch erst später einmal und nicht jetzt und hier. Erst dann, wenn ich all das habe, was ich dazu brauche. 

Und damit meine ich kein Kapital und auch nicht meine Reichweite auf Social Media. Damit meine ich einzig und allein meine persönliche Reife, meine Lebenserfahrung und meine Weisheit über Dinge, die mir heute noch bevorstehen. Die ich lernen und erleben will. Situationen, die mich wachsen lassen, immer und immer wieder. Mich herausfordern und stärker machen. 

Denn gleichzeitig ist da etwas, was mich daran hindert, mir weiterhin krampfhaft ein Konzept auszudenken. Mir den Weg versperrt. Es ist mein Gefühl. Mein Gefühl, dass mir sagst, dass ich an mir selbst wachsen will, ohne den Blick auf Zukunftspläne gerichtet zu haben. Es sagt mir, dass ich Fehler machen soll. Quatsch im Kopf haben soll, ehrlich und echt sein soll. Das Kind sein soll, dass ich mal war. Es sagt mir, dass ich einfach nur ich selbst sein soll. Heute und hier, jetzt in diesem Moment ..“

Ich schreibe und schreibe, während meine Hände zitternd den Stift umklammern. Und während ich diese Worte aufs Papier bringe – Gedanken, die in meinem Kopf gefangen waren, purzeln dicke Tränen über meine Wangen. Landen auf dem Buch vor mir, während ich meine Schrift nur noch verschwommen sehen kann. Es sind Tränen, die die Schwere meiner Gedanken aus mir herausspülen. Den inneren Druck, den ich mir selbst zugeführt habe, lösen. Ich spüre, wie sich Glückstränen darunter mischen, sich einen Weg zu meinen Lippen durch kämpfen, die beginnen ein Lächeln zu formen. Ich breche in lautes Gelächter aus, lache über mich selbst. Lache über all die Kleinigkeiten, über die ich mich heute aufgeregt habe – über all das, was mir den Tag über Dämliches passiert ist. Und gleichzeitig spüre ich, wie sich ein Gefühl der Erleichterung in mir breit macht. Spüre den Drang nach Freiheit in mir aufsteigen, spüre den Nervenkitzel durch meine Adern strömen. Kann sehen, wie mein Herz tanzt, kann wieder fühlen, wie es sich anfühlt wirklich frei zu sein. Frei von Gedanken, die mich runterziehen. Gedanken, die mich daran hindern, das Glück bei mir selbst zu finden.

Und all das nur, weil ich Gefühle einfach mal zugelassen und verstanden habe. Wie einfach doch alles sein kann.


Was ich wirklich von diesem Tag mitgenommen habe und wie du lernst dich in solchen Momenten zu reflektieren um wieder klarer zu sehen : Lieblingsgefühl #2

Love,

J.

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2 Antworten auf „Lieblingsgefühl

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