Mein Arschlochfreund der Perfektionismus

Kann ich mich nicht zu 99%vegan ernähren und 3x im Jahr ein bisschen Käse essen? Kann ich nicht ein kleiner Öko sein, der mal was eingepackt in Plastik kauft, im grossen und ganzen aber achtsam und nachhaltig lebt? Kann ich nicht die Meditation lieben, ohne gleich als spirituell eingestuft zu werden? Und kann ich nicht versuchen, die Welt zu retten ohne mich dabei wie ein Steinzeitmensch verhalten zu müssen? Muss immer gleich alles 100% und perfekt sein, wenn man sich für eine Richtung entscheidet? Geht es nicht eigentlich in all diesen Bereichen darum, man selbst zu sein? Nur wie kann ich ich selbst sein, wenn ich es mir nicht erlaube auch mal „Fehler“ zu machen? Wie kann ich ich selbst sein, wenn ich mich so einschränke, dass kein Raum mehr für Gefühlsentscheidungen und „Ausnahmen“ bleibt? 🌿Kann ich nicht alles und nichts sein, während ich einfach nur ich bin?

Gedanken  kreisen und kreisen in meinem Kopf herum. Ich will etwas verändern, setze mich für etwas ein, was mir persönlich am Herzen liegt. Die November Challenge #UNPLASTICYOURSELF hat’s echt in sich – und damit meine ich nicht nur das Plastik.

Denn wenn ich etwas machen will, dann muss das eben immer gleich ganz nach dem Motto „Alles oder nichts“ sein. So war ich schon immer. Nur merke ich, dass es mir nicht gut tut. Kein Extrem wird das jemals.

Das beste Beispiel ist bei mir die Ernährung. Ein ganzes Jahr vegan, Step by Step – einfach, weil es sich gut angefühlt hat. So gut, dass ich nichts anderes mehr wollte. Mit der Zeit aber, schlichen sich Gedanken bei mir ein, die einen Konflikt in mir auslösten. Da war dieser Gedanke, der in meinem Kopf die Macht übernahm war: Du machst keine halben Sachen. Das hast du nie und das kannst du auch nicht. Also wirst du es auch nie. Ja, so ist das manchmal in meinem Kopf. Und ich glaubte es auch noch.

Aber es waren auch äußere Faktoren, wie der riesig aufsteigende Trend und diese ständige Rechtfertigung gegenüber anderen. Einmal als vegan bekannt und akzeptiert in der Runde, war es dann wiederum schwierig zu definieren, warum ich ab und zu -und damit meine ich wirklich nur ein paar mal im Jahr- auch Lust auf bspw. Ziegen- oder Schafkäse hatte. Und während sich in meinem Kopf der Master of Desaster mal wieder meldete und  mir eintrichtern wollte: Das geht nicht, du bist doch vegan, folgten auch in Kürze schon die Fragen der anderen: „Bist du jetzt vegan oder nicht?“ Himmel, keine Ahnung! Musste meine Ernährungsweise auch einen verdammten Namen besitzen? Ich bin „neunzigganer“ oder „neunzigprozentaner“ wenn ihrs genau wissen wollt. 90% meines Lebens vegan. So. Jetzt habe ich eine neue Bezeichnung 😀 Was es mit dem Ziegenkäse auf sich hat, könnt ihr gerne hier nachlesen.

Doch es bleibt nicht nur bei der Ernährung. Auch im Supermarkt, werde ich mit dem Gedanken „ganz oder gar nicht“ konfrontiert. Da ich durch mein Veganes Image schon abgehärtet war, was das Labeln betrifft, geht es bei diesem Thema mehr um meine eigenen Gedanken, als um meine „Angst“ als etwas bezeichnet zu werden.

Ja, ich habe es an einem Samstag eben nicht geschafft, auf den Markt oder in den Bioladen zu gehen, da ich bis abends gearbeitet habe. Shit happens, ich weiß, dass ich das sicher anders hätte organisieren können. Bin auch nur ein Mensch. Also habe ich mir den Hund genommen, die Stofftüte eingepackt und bin den Berg runter zum Penny gestiefelt (- ich Arschloch 😉 ). Wenigstens gehst du zu Fuß und verpestest die Umwelt nich nicht mit dem Auto. Also stand ich da im Penny und hatte zwei Gedanken im Kopf: Mein Rezept und einen plastikfreien Einkauf. Ging auch soweit echt gut – es war zwar nicht Bio, aber wenigstens unverpackt (zum Thema Bio kommt auch noch was, wie ihr merkt ist  meine Liste der Todo-Blogposts ellenlang und ich kann nicht aufhören).  Und dann stand ich da vor diesen scheiß Pilzen, verpackt in Plastik. Und zwar doppel gemoppelt. Ich glaube ich stand da 2 Minuten und habe überlegt, was ich jetzt mache. Richtig ist’s im Namen der Challenge nicht. Aber es hat auch nie jemand von 100% und MÜSSEN gesprochen – beruhigte ich mein schlechtes Gewissen.

Und genau hier liegt der springende Punkt:

1. Ich muss gar nichts, denn ich will.
2. Nur weil ich eine Sache, lass es 2 sein, verpackt in Plastik kaufe, und das nur ab und zu und nicht mehr täglich in Massen, heißt es nicht, dass ich im Großen und Ganzen nicht nachhaltig lebe und für eine Verbesserung unserer Umwelt einsetze.
3. Nur, weil ich versuche ein Vorbild zu sein und andere positiv zu beeinflussen, heißt das nicht, dass ich keine Fehler oder Ausnahmen machen darf.
4. Und nur, weil mein Arschlochfreund, der Perfektionismus, mich dazu verleitet, radikal zu denken und zu handeln – heißt das noch lange nicht, dass ich ihn gewinnen lasse.

Das war eine Message an meinen Arschlochfreund – vielleicht kannst du sie auch an deinen weitergeben. Vielleicht ist es bei dir aber auch gar nicht der Perfektionismus sondern eher der innere Schweinehund oder deine festgefahren Gewohnheiten. Vielleicht aber auch die Befürchtung, durch das ein oder andere Handeln gelabelt zu werden, ohne, dass du es willst.

Von Freunden, der Familie oder von Arbeitskollegen – das spielt keine Rolle. Aber sobald du -und da spreche ich aus eigener Erfahrung- etwas machst, was du vorher nicht gemacht hast weil es dir niemand zugetraut hat oder ein Kontrast zu deinem bisherigen Lifestyle darstellt, wirst du hinterfragt, kritisiert oder schief angeguckt. Viel Spaß beim Rechtfertigen. Vor allem dann, wenn jemand vor dir steht, der sowieso nur zuhört um zu reagieren, nicht aber um zu verstehen. Gerade bei Themen der Ernährung oder Nachhaltigkeit. Schwups bist du eine Ökotante oder Freak, vielleicht auch ein Trendopfer oder ein Mitläufer. Und das ist dem ein oder anderen eben nicht einfach egal.

Ich hab das Ganze durch und mittlerweile ist es mir egal, als was ich bezeichnet werde. Das war es mir früher nicht. Vielleicht auch ganz einfach aus dem Grund, weil ich zu keinem Label dazu gehören wollte. Nicht gelabert werden wollte, sondern einfach nur ich sein wollte. Mich nichts und niemandem versprechen wollte, weil ich nicht weiß was morgen kommt und übermorgen bringt. Nirgends dazu gehören oder in eine Schublade gesteckt werden wollte.

Wie auch immer, am Ende kommt es auf das Gleiche hinaus. Unser Konsumverhalten ist einfach eine Katastrophe und das ist der ausschlaggebende Punkt für den Wandel unserer Gesellschaft und die Umwelt. Wir sind schnelllebig und teilweise blind, wissen die meiste Zeit nichtmal, warum wir Dinge tun oder brauchen. Kennst du dein Warum? Weist du, was du brauchst um wirklich glücklich zu sein? Ich wusste es damals nicht.

Und um das zu verändern, musst du keine neue Bezeichnung annehmen – sondern einfach nur hier und da ein bisschen was verändern. Es wird dir nicht weh tun, ganz im Gegenteil. Aber das musst du selbst ausprobieren, ich will hier niemandem etwas aufschwätzen, wovon er nicht selbst überzeugt ist.

Und wenn ich dir eines sagen kann: Du musst niemand sein und schon gar nicht, musst du irgendetwas zu 100% vertreten oder leben. Und wenn du noch nicht dabei bist, nachhaltiger und bewusster zu leben, weil dich die Bezeichnung oder die Vorstellung davon abhält und du nichts mit Ökofreaks und Tiertanten zutun haben willst – dann werde dir klar darüber, dass du auch zu keinem wirst, nur weil du vielleicht anfängst, weniger Fleisch zu essen oder weniger Plastik zu kaufen. Du bist immer noch du selbst. Du bist immer die Person, die du glaubst zu sein. Es geht nicht darum, dich selbst oder Dinge die du liebst aufzugeben – sondern um Plastik und Dinge, die dir langfristig sowieso schaden.

Wie ich zum Beispiel meinen Ziegenkäse. Gut, genug jetzt – sonst träumst du gleich auch noch davon.

Das Ganze hier ist für mich mehr als eine plastikfreie November Challenge. Diese Challenge stellt mein Leben auf den Kopf. Mit jedem Schritt, den ich bewusster durchs Leben gehe, weil mein Blick klar ist, verändert sich ein Teil von mir selbst.

Und je mehr ich aufbrauche und loslassen, desto leichter fühle ich mich. Je mehr ich für diese Welt mache, anstatt sie wieder zu zerstören, desto glücklicher und erfüllter bin ich. Ohne, dabei jemand anderes außer ich selbst zu sein.

PS.: Übrigens sitze ich gerade auch an diesem Beitrag hier und mache mir Druck, dass er gut werden muss. Lösche gefühlt jede zweite Zeile und mag ihn schon jetzt nicht 😀 Trotzdem geht er heute Abend online – ich will mich in dem Punkt nämlich bessern und wie kann man das schneller, als sich mit zu befassen.

Love,

J.

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